Stress am Arbeitsplatz: Interview über Entspannung, Achtsamkeit, Meditation

„Die Lösung gegen Stress trägt jeder bereits in sich“

Interview über Stress am Arbeitsplatz

Bei Stress: Ihr persönlicher StresstrainerStefan Geisse bietet individuelle Stress-Auszeiten für gestresste Führungskräfte an. Er sieht sich dabei als Brückenbauer zwischen den Anforderungen der Wirtschaft – er war selber über 15 Jahre im Management für internationale Unternehmen tätig.
Und dem Vermitteln praktischen Lösungen und auf Basis asiatischer Wissenssysteme wie Yoga, Ayurveda und dem Buddhismus.
Im Interview gibt er Antworten zu drängenden Fragen rund um das Thema Stress bei Führungskräften.

 

 

Was stresst Menschen am meisten am Arbeitsplatz?

Sicherlich kann die Antwort von Branche zu Branche anders ausfallen. Gemein ist ihr jedoch, dass oft unklare Führung, fehlende oder schlecht definierte Rahmenbedingungen, Termindruck, mangelnde oder keine Wertschätzung und Überforderung durch Multitasking als Hauptgründe für Stress am Arbeitsplatz aufgezählt werden können.

Auch zwischenmenschliche Probleme und Auseinandersetzungen mit Kollegen oder Kunden und Störungen in der Konzentration bzw. die Arbeitsplatzsituation im Allgemeinen sind grosse Stressoren.

Welche direkten Auswirkungen hat dies Ihrer Meinung nach auf den Arbeitnehmer?

Oft versucht der Mitarbeiter zu Beginn die bei sich wahrgenommenen Stressoren oder besser gesagt Defizite durch ein Mehraufwand an Arbeit und somit Arbeitszeit und Überstunden zu kompensieren. Dies weicht jedoch oft schnell in ein Gefühl des Nichtgenügens oder Nichtbewältigens.

Stress im Job druch Achtsamkeit begegnen
Mehrarbeit führt in eine Abwärtsspirale

 

Die Grundlage für eine depressive Entwicklung kann dadurch gelegt werden! Begleiterscheinungen sind Ängste aber auch Schlafstörungen, Konzentrationsmängel oder auch fehlendes Gespür für zwischenmenschlichen Umgang und konstruktive Konfliktlösung.

Die Leistungsfähigkeit verringert sich, oft bricht auch die Motivation ein. Eine negative Abwärtsspirale setzt sich in Gang: Negatives Feedback von Kunden, Vorgesetzten oder Kollegen verschlimmert die Situation die nicht selten in Arbeitsunfähigkeit endet.

Was sind wichtige Tipps um Stress im Büro abzubauen?

Stress wird individuell wahrgenommen, auch sind die Reaktionsmuster sehr unterschiedlich. Daher arbeite ich immer individuell eine Lösungsstrategie mit dem Klienten heraus, es gibt keine „Lösung von der Stange“.

Jedoch lässt sich sagen, dass Achtsamkeit sich selbst und seinem Körper gegenüber die Grundlage bildet. Das kann trainiert werden, so dass gerade in stressigen Zeiten, wenn Dinge schlecht laufen oder der Druck von aussen zu gross wird, der Klient frühzeitig die Situation erkennt und zuvor trainierte Lösungen anwendet.

Entspannungsübungen, Atemübungen, gezielter Abbau von Anspannung sind immer Bestandteil meiner Arbeit mit dem Klienten. Kleine Entspannungsrituale sind so einfach zu vermitteln, trainieren und anzuwenden.

Achtsamkeitstraining
Achtsamkeit durch Meditation trainieren

 

Aber auch das Auflösen von tief sitzender Prägungen wie „sei stark“ oder „sei perfekt“ gehören zu meiner Arbeit, ich nenne es mentales Stressmanagement. Darüber hinaus helfen allgemeine formelle Dinge wie Arbeitsplatzorganisation, Zeitmanagement und Priorisierung usw. welche trainiert werden können.

Was passiert körperlich und psychisch, wenn ein Mensch zu lange Stress ausgesetzt ist?

Wenn der Mitarbeiter unter hohem psychischem oder physischem Druck steht, schüttet sein Körper die „Stresshromone“ Noradrenalin, Adrenalin und Cortisol aus der Nebenniere in das Blut aus. Sie bereiten den Organismus auf Leistungsbereitschaft vor („fight or flight“). Dieses Programm war im Rahmen der Evolution lebensnotwendig, kann auch für einen kurzen Zeitraum als Angenehm empfunden werden.

Wenn es jedoch dauerhaft wird, also unser Organismus nicht mehr zur Ruhe kommt und ständig diesen Stresshormonen ausgesetzt ist, kann das die Organe schädigen, sie laufen bildlich gesprochen auf Höchsttouren.

Stress im Büro
Konzentrations- und Gedächtnisstörungen

 

Schlaf- und Appetitstörungen sowie Störungen im Bereich der Verdauung und der Sexualorgane können auftreten. Depressionen, Schlaganfall, Infekte und sogar onkologische Erkrankungen können die Langzeitfolgen von zuviel Stress sein. Letzteres, weil die Immunabwehr durch dauerhaft hohe Cortisol-Spiegel herabgesetzt ist.

Anhand welcher Symptome kann ich erkennen, dass mir eine Erschöpfungsdepression droht?

Nachhaltige Schlafstörungen, insbesondere Durchschlafstörungen und morgendliches Früherwachen sind typische Zeichen die in eine Erschöpfungsdepression führen können. Aber auch ein Einbruch der kognitiven Fähigkeiten, also dauerhafte Verschlechterung der Konzentrationsfähigkeit, der Merkfähigkeit und des Gedächtnisses sind oft typische Frühzeichen einer dauerhaften Stressbelastung.

Oft kann ich auch bei Klienten eine emotionale Überforderung mit starker Gereiztheit, schneller Überforderung durch Alltägliches bis hin zu sozialem Rückzug beobachten. Es wird ihnen alles „zu viel“.

Auch regelmäßiger Alkohol- oder Beruhigungsmittelkonsum können indirekte Zeichen sein, dass man sich in diese Richtung entwickelt. Schnell wird aus einem Gläschen Wein am Abend eine halbe Flasche, irgendwann eine ganze. Nur so scheinen viele noch abspannen und sich erholen zu können. Oder irgendwie den Stress aushalten zu können.

Wie kann man Erschöpfungsdepression von Burnout abgrenzen?

Als Zustand ist die Erschöpfungsdepression ein Burnout. Der Mensch ist ausgebrannt, und kann einfach nicht mehr – nachdem er eine relative lange Zeitspanne zuvor lang hart gearbeitet, manchmal sogar hart gekämpft hat.

Streng genommen ist Burnout auf Grundlage der Klassifikation der Weltgesundheitsorganisation WHO keine eigenständige Diagnose, sondern eine ergänzende Beschreibung eines Zustandes, der eben oft mit Erschöpfungsdepression beschrieben wird. Diese hingegen erfüllt die Kriterien einer Depression mit den von der WHO-Klassifikation ICD-10 geforderten Kriterien für eine Depression im eigentliche Sinne.

Ergänzend möchte ich anmerken, dass eine Diagnose nur ein Arzt stellen darf und entsprechende Behandlungsmetoden attestiert. Meine Aufgabe ist es, den Menschen begleitend in diesem Prozess mit Entspannungsübungen, Meditationen, Achtsamkeitsübungen, abgestimmter Ernährung und psychologisch zu begleiten. Und im Idealfall schon vor dem Zeitpunkt bevor ein Arzt hinzugerufen werden muss, den Stresszustand mit dem Klienten zusammen zu verbessern.

Welche konkreten Tipps können Sie anbieten für jemanden, der erschöpft ist?

Als erstes empfiehlt es sich zu prüfen, in welcher Arbeitsplatz- und Lebenssituation sich der Betroffene befindet. Dies geschieht mit einer Standortanalyse, einem ehrlichen Benennen und Erkennen der Stressoren von aussen. Und von innen! Nicht immer muss ein anspruchsvoller Job der Auslöser sein, oft sind es auch belastende private Situationen die dauerhaft stressen: Konflikte in der Partnerschaft, mit den Kindern, ein Pflegefall in der Familie.

Es geht um Selbsterfahrung, eigene Stärken und Schwächen sauber zu analysieren. Es geht darum, das „Ist“ der aktuellen Situation im Beruf als auch Privatleben zu definieren. Viele sprechen dabei von Work-Life-Balance, mir gefällt ehrlich gesagt dieser Begriff nicht, da meines Erachtens die Arbeit ein integraler Bestandteil unseres Lebens ist. Wenn die Arbeit Freude bereitet und Sinn stiftet, muss sie nicht mit „dem Leben“ in Balance gebracht werden. Auf Basis dieser Einsichten und Erkenntnisse sind Massnahmen zu überlegen und umzusetzen.

Stress macht krank
Wieder Freude und Sinn am Beruf finden

 

Meist ist die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit nötig. Aber auch konkrete Veränderungen im Berufs- und Privatleben können notwendig werden. Bewegung und Sport als wichtiger Ausgleich zu Kopf- und Dienstleistungsarbeit sind vonnöten, ergänzt mit Entspannungstechniken, die insbesondere Männer erst noch erlernen müssen.

Welche Entspannungstechniken können Sie empfehlen?

Grundsätzlich gilt: Diejenige, welche für den Klienten passt. Das kann eine kurzfristig wirkende progressive Muskelanspannung und –entspannung sein, einfache Atemübungen oder auch „nur“ bewusstes Spazierengehen im Wald.

Ich mache immer wieder sehr gute Erfahrungen mit dem ganzheitlichen Yoga: Viele gestresste Manager lernen so, überschüssige Energien abzubauen, Verspannungen zu lösen und wieder eine Beziehung zu Ihrem Körper aber auch Ihren Geist aufzubauen. Um sich so wieder als Individuum mit eigenen Wünschen und Bedürfnissen wahrzunehmen und nicht als fleissige Arbeitsbiene die auch noch im Privatleben immer top performen muss. Der Yoga wirkt ganzheitlich auf körperlicher wie mentaler Ebene. Nach und nach wird man gelassener, bewusster und fühlt Harmonie in sich aufsteigen.

Warum ist Achtsamkeit heut in aller Munde? Nützt das tatsächlich etwas gegen Stress?

In der Tat reden heute viele Manager und Personalberater über Achtsamkeit. Es geht dabei um ein jahrtausendealte Technik welche z.B. in der Buddhistischen Vipassana-Meditation angewendet wird: Das aufmerksame Beobachten der eigenen Körperreaktionen, Gedanken, Einstellungen und Gefühle. Dies bedingt Training und ist Anfangs nicht leicht.

Doch nach und nach verselbständigt sich diese Technik und dei Beoachtung geschieht fast automatisch. Die Folge: Man gewinnt abstand zu krankmachenden Gedanken und daraus resultierenden Verhaltensweisen wie beispielsweise „Ich muss alle perfekt machen.“ oder „das muss sofort erledigt werden, ich habe keine Zeit!“ usw. und bewertet Situationen neu. Ebenso lernt man, auf seine eigenen Bedürfnisse zu achten: Mehr Pausen, Ruhe. Und sich auch mal zurückziehen um zu entspannen und regenerieren. Und nicht immer vollgas geben.

Wird Achtsamkeit nur als modisches Accessoire eingesetzt – womöglich noch zur Effizienststeigerung – stehe ich dem kritisch gegenüber. Der tieferliegende Grund wird missachtet: Mehr in der Harmonie mit sich selbst und seiner Umwelt zu leben.

Wieviel Zeit muss ein gestresster Manager bei Ihnen investieren?

Die Fragestellung scheint symptomatisch für unsere Gesellschaft. Genau das übe ich mit meinen Klienten: Nicht immer müssen, nicht immer am Ergebnis hängen, nicht immer Leistung bis zu letzt herauspressen. Sondern Bewusstheit kultivieren, achtsames Wahrnehmen des eigenen Körpers, der Gedanken, Gefühle. Letztendlich: der ureigensten Bedürfnisse.

Umso nach und nach wieder Balance im Innen als auch im Aussen herzustellen. Das geht manchmal schnell, oder aber auch sich auch über mehrere Sitzungen und Wochen hinziehen. Je nachdem wieweit der Klient bereit ist, sich zu öffnen und aktiv an sich und seiner Situation zu arbeiten.

Gerne arbeite ich daher auch mit meinen Klienten abseits des Alltags bei den von mir konzipierten Stress-Auszeiten für eine längere Zeit im Kloster oder auf einer Finca auf Mallorca. Eine intensive Zeit, die jedoch wunderbare Ergebnisse zeigt: Entspannte Menschen, die wieder Klarheit erlangt haben. Klarheit darüber, was Ihnen wirklich wichtig ist im Leben.